Archiv für Mai 2008

„…wie uns der Kapitalismus weh tut“

Ein Interview mit jungen Sozialisten

Am Anfang des Jahres hat sich in Eberswalde eine [’solid] – die sozialistische Jugend – Gruppe gegründet. Grund genug um drei junge Mitglieder der Gruppe zu Wort kommen zu lassen. Tom (15), Dustin (15) und Basti (15) sind Schüler am Gymnasium Finow und aktiv bei [’solid].

? Wie kommen junge Leute wie Ihr auf den Gedanken, sich politisch zu engagieren?

! Basti: Ich habe mich seit meinem zwölften Lebensjahr für Politik interessiert, seit der Bundestagwahl 2002, da fing es richtig an. Da habe ich die PDS kennen gelernt und mein Schülerpraktikum bei der PDS in Bernau gemacht. Dort fand´ ich dann zufällig einen Flyer von [’solid] und dachte mir: Die sind was für mich! Dann habe ich meine Freunde angesprochen…
! Dustin: Also bei mir war dass so, dass ich mich zwar auch schon immer für Politik interessiert habe, aber ich hatte nie den Elan, mich da richtig rein zu hängen… Sebastian hat mir da so ein bisschen den Anstoß gegeben.

! Tom: Also ich hatte nicht so wie Sebastian das Interesse an der Politik, sondern eher am Kampf gegen Rechtsextremismus, dafür wollte ich mich einsetzen. Aber die Mittel und die Ideen haben mir dazu gefehlt. Als dann Sebastian im Januar [’solid] Eberswalde gegründet hat, gab es die Möglichkeit sich aktiv zu beteiligen.

? Was macht denn ein sozialistischer Jugendverband? Ist das ein Haufen von Jungrevolutionären, die sich gegenseitig das Kapital vorlesen und „Mollis“ basteln?

! Basti: [lacht] Also das Kapital vorlesen oder das Kommunistische Manifest, davon bin ich überhaupt kein Freund und das machen wir auch nicht, auch wenn es manchmal interessant wäre. Wir erklären uns das gegenseitig. Wir diskutieren über die Sachen aus unserem persönlichen Leben, unsere Erfahrungen, dort wo und wie uns der Kapitalismus weh tut und wie wir das verändern können. Wir arbeiten halt vor Ort, hier in Eberswalde. Wir wollen die Leute überzeugen und auch ein bisschen wachrütteln. […] Unser oberstes Ziel ist es, die Leute vom demokratischen Sozialismus zu überzeugen.

? Was sind denn Eure politischen Ziele? Mit welchen Themen wollt Ihr Euch beschäftigen?

! Tom: Zum Einem dem Kampf gegen Rechtsextremismus, aber auch mit der Globalisierung. Das kann so nicht laufen! Dann auch noch die soziale Ungerechtigkeit: Dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer! Dass die Reichen nichts abgeben und so die soziale Ungerechtigkeit immer größer wird und dass sich sehr wenig für die Armen eingesetzt wird und die damit dann halt ins Hintertreffen geraten, das stinkt uns halt an und dagegen kämpfen wir! Also die Probleme der armen Leute, denen die Fratze des Kapitalismus ins Gesicht lacht. Die wollen wir mit unseren Aktionen unterstützen.

! Basti: Also eigentlich kümmern wir uns um das alltägliche Leben. Das fängt bei uns in der Schule an, dass wir uns um die Schulbildung kümmern. Dass wir sagen: So wie es jetzt ist, ist es einfach Scheiße! So kann das nicht weiter gehen. Das fängt bei der Bildung an und endet dann dabei, dass man sagt: Der Kapitalismus muss überwunden werden. Und so setzen wir uns mit jedem Thema auseinander. Das geht dann weiter über Globalisierung und endet bei der Freigabe von Hanf usw.

? [’solid] beschreibt sich selbst als einen linken Verband. Was bedeutet es für Euch „links“ zu sein?

! Tom: Links zu sein heißt für mich erstmal genau das Gegenteil von rechts zu sein, also nicht alles mit Gewalt umändern zu wollen. Also nicht nur die deutschen und nicht die weltweiten Probleme zu sehen. Dann halt natürlich den Ausländerhass, dass so ´was nicht sein kann! Im Ausland wären wir Deutsche doch auch Ausländer und dort wollen wir doch auch gut behandelt werden. […] Als Linke wollen wir den neuen Trend unterbinden, dass es wieder viele neue Nazis gibt.

? Bedeutet „links“ sein für Euch also nur, nicht „rechts“ zu sein?

! Basti: Also links sein geht für mich viel weiter. Da geht es um jedes Thema und nicht nur dagegen zu sein, sondern auch Vorschläge zu haben, wie man´s ändern kann. […] Wir sind schon gegen einige Sachen, aber wir können auch Änderungsvorschläge anbieten. Am Ende einen demokratischen Sozialismus aufzubauen ist unser Ziel und auch unsere Vision. Für uns bedeutet gegen Rechts zu sein auch gegen den Kapitalismus zu sein. Das gehört zusammen!

? Am Anfang des Jahres gab es die Aktion „Aufmucken gegen Rechts“. Da habt Ihr mehrere CDs an Eberswalder Schulen verteilt. Was für Erfahrungen habt Ihr dabei machen können?

! Dustin: Also viele Leute waren sehr interessiert an den CDs. Die haben auch das Infomaterial nicht weggeworfen, sondern es durchgelesen. An der Realschule wurde aber auch von Lehrern den Schülern geraten die CDs lieber nicht zu nehmen. Die wussten nicht was drauf ist. Aber die Schüler haben die CDs doch genommen und haben sie sich trotzdem abgehört.

! Basti: Also ich habe aber auch von einer Freundin gehört, dass einige die CDs weggeschmissen haben. Sie haben zwar die CD genommen, aber hier in Eberswalde ist „Rechts sein“ eben in Mode. Im Freundeskreis ist das dann ein großes Problem und dann schmeißen sie natürlich die CD weg. Die hören sich das zwar mal an, aber richtig weiter denken tun sie dann doch nicht… Aber andere haben sich auch sehr interessiert das Infomaterial durchgelesen, das fand´ ich sehr gut.

? Habt Ihr Kontakt zu anderen Jugendgruppen, wie z.B. den Jusos, bzw. wollt Ihr Kontakt zu anderen Jugendgruppen aufbauen?

! Tom: Also letztens haben wir den Entschluss gefasst, dass wir auf Kreisebene bzw. lokal mit den Jusos zusammen arbeiten wollen. Also bei Aktionen oder so, aber kein politisches Bündnis.

! Basti: Also im Barnim gibt´s ja eigentlich nur die Jusos und nicht mal die sind richtig aktiv. Mit denen versuchen wir halt zumindest bei Aktionen zusammen zu arbeiten. Wir versuchen nun in nächster Zeit einen Kontakt aufzubauen. Wir sind bereit, jetzt liegt es halt an denen.

? Eberswalde hatte lange den Ruf ein „rechtes Problem“ zu haben. Hat sich das Eurer Meinung nach geändert?

! Tom: Naja, nicht wirklich. Eigentlich ist es schon ein bisschen entspannter, trotzdem gibt es noch viele, die diese rechte Meinung mit vertreten.

! Basti: Meiner Meinung nach ist das viel stärker geworden! Früher waren die Nazis jedoch in Eberswalde aktiv und sind viel aggressiver aufgetreten. Der Märkische Heimatschutz hat sich zwar hier gegründet, ist aber nicht mehr in Eberswalde aktiv. Eher in Potsdam usw. […] Wenn ich morgens mit dem Zug zur Schule fahre sehe ich mindestens fünf Nazis, jeden Morgen! Das ist viel stärker geworden, durch die ganzen Dörfer und die Arbeitslosigkeit. Die sind halt perspektivlos, die Leute. Das ist zwar kein Grund rechts zu sein, aber ein Umstand, der das verstärken kann. Also, ich finde es ist viel stärker geworden, aber die öffentliche Gewalt ist zurückgegangen aber die kranken Ideen haben die immer noch. Es sind mehr Leute geworden, aber sie sind nicht mehr organisiert, das ist unser Glück! Und deswegen versuchen wir ´was zu tun!

? Was wünscht Ihr Euch für Eure Zukunft?

! Tom: Ich wünsche mir für meine Zukunft mit [´solid], dass wir weiter so aktiv die genannten Themen bearbeiten werden. Dass unsere Ortsgruppe weiter voran kommt und auch landesweit eine große, wichtige Stütze wird. Dass wir bekannter werden und auch mehr Unterstützung finden.

! Dustin: Also, ich würde mir wünschen, dass innerhalb von [´solid] erstmal alle richtig mitmachen würden, das ist ja leider nicht so.

! Basti: Ich wünsche mir, dass wir mehr werden, als wir momentan sind. Wir sind jetzt schon viele, so 15. Wir sind wahrscheinlich die jüngste Ortsgruppe überhaupt, bisher hat es noch keine gegeben, die von Vierzehnjährigen gegründet wurde. Das ist gut voran gegangen, wobei wir ja auch mit der PDS Jugend sehr gut zusammen arbeiten, die habe ich ja ganz vergessen. Dabei ist sie für uns ein sehr wichtiger Partner…Auf das Erreichte bin ich schon sehr stolz, dass wir das alle so schnell geschafft haben. Es entwickelt sich immer weiter. Woche für Woche. Wir werden halt immer mehr und ich merke auch, dass sich viele mehr Gedanken drum machen. Durch unseren Elan, den wir haben, versuchen wir halt auch andere zu überzeugen.

Und dann wünsche ich mir auch noch mehr richtige Unterstützung von der PDS. Wir haben zwar zusammen gearbeitet, aber eine richtig aktive Unterstützung fehlt mir noch etwas von der PDS. Aber ich möchte hier auch sagen, das uns sehr viele freundlich und aktiv unterstützen, von der PDS… Wir sagen immer: Das ist unsere Partei und wir sind stolz auf sie. Dann kann man doch auch sagen: Das ist unser Jugendverband! Das ist doch auch gut für die Partei, dass wir der Jugendverband bei der PDS sind. Das wünschen wir uns, dass wir vielleicht noch mehr mit der PDS aktiv zusammen arbeiten können und eingebunden werden in manche Dingen die uns auch etwas angehen.

? Dann wünsche Ich Euch alles Gute für die Zukunft und danke für dieses Gespräch!